NWG

NWG-Workshop 2014


Konferenzbericht von Raphael Susewind, ASIEN 131 (S. 78–80)

Die Nachwuchsgruppe Asienforschung der Deutschen Gesellschaft für Asienkunde veranstaltete vom 17. bis 19. Januar 2014 einen Workshop zu Methoden der empirischen Asienforschung an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. Insgesamt 40 Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftler aus verschiedenen Disziplinen, Qualifikationsstufen und regionalen Kontexten diskutierten lebhaft über methodologische Probleme und wissenschaftspolitische Herausforderungen empirischer Asienforschung. Finanziell wurde der Workshop dankenswerterweise von der DGA sowie vom BMBF-Projekt Southeast Asian Studies und dem Seminar für wissenschaftliche Politik der Universität Freiburg unterstützt: herzlichen Dank!

Der Workshop begann am Freitagabend mit einer öffentlichen Podiumsdiskussion zu Asienforschung zwischen Area Studies und Disziplinen mit Prof. Doris Fischer (Würzburg), Mikko Huotari und Prof. Nicola Spakowski (beide Freiburg), moderiert von Elena Klorer (DGA Nachwuchsgruppe). Deutlich wurde dabei die Vielfalt institutioneller Konstellationen: das Verhältnis von Area Studies als gegenwartsbezogener, sozialwissenschaftlicher Forschung, zu den Disziplinen unterscheidet sich maßgeblich danach, ob mit letzteren die klassischen philologischen Fächer gemeint sind oder die systematischen Disziplinen wie die Politikwissenschaft, Soziologie, oder VWL. Eigentlich haben wir es also mit einem Dreiklang zu tun, bei dem auf der einen Seite eine überbetonung partikularer Einzigartigkeit asiatischer Gesellschaften und auf der anderen Seite ein blinder Transfer vermeintlich universaler, tatsächlich oft westlicher Modelle drohen. Das Podium war sich weitgehend einig, dass Asienforschung nur gelingen kann, wenn sie sowohl regional als auch disziplinär stark ist; die besonderen Herausforderungen dieses Anforderungsprofil für den Nachwuchs wurden kontrovers diskutiert und mit vielen Anekdoten untermauert.

Im Verlauf des Samstags widmeten sich einzelne Arbeitsgruppen spezifischen Problemlagen vor dem Hintergrund eigener Forschungserfahrung. Am Vormittag lag der Fokus zunächst auf epistemologischen Fragen, die in der Methodenausbildung häufig von einer überbetonung konkreter Techniken überlagert werden, für eine oft interdisziplinäre und qua Definition außereuropäische Asienforschung jedoch zentrale Bedeutung gewinnen. Dr. Christian von Lübke und Mikko Huotari (beide Freiburg) leiteten daher parallele Arbeitsgruppen zu Vergleichslogiken bzw. Konzeptbildung, bevor am Nachmittag in drei weiteren Arbeitsgruppen konkrete Herausforderungen für Ethnographie (Eva-Maria Sandkühler, Freiburg), Interviewforschung (Anna Fünfgeld und Kirsten Hackenbroch, beide Freiburg) und quantitative Analysen (Prof. Doris Fischer, Würzburg) im Mittelpunkt standen. Durch alle fünf Arbeitsgruppen zogen sich wiederkehrende Fragen und Dilemmata. Inwiefern ist das, was wir diskutieren, über die generelle Notwendigkeit geographischer Kontextualisierung spezifisch asiatisch? Welche unit of analysis ist welcher Fragestellung angemessen und wie kann methodologischem Nationalismus vorgebeugt werden? Wo genau liegen die Vorbedingungen sinnvoller Vergleichbarkeit? Was machen eigentlich die von uns Beforschten, wie gehen wir mit Kooperationen, Erwartungen und Enttäuschungen und den politics of knowledge um? Und schließlich: welche Konsequenzen haben diese Fragen für den Nachwuchs, wie strategisch sollten wir uns gemeinsam und/oder individuell positionieren?

Am Sonntag wurden die vielfältigen Diskussionsstränge zunächst in interdisziplinären aber nach Qualifikationsstufe unterschiedenen Kleingruppen und anschließend im Plenum zusammengeführt. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer formulierten ihre Positionen zu drei zentralen Thesen. Eine These war der von Hans-Jürgen Puhle geprägte Satz „Es gibt keine Regionalwissenschaften, die Wissenschaften der area studies sind und bleiben die Fachdisziplinen“. Hier herrschte generelle Zustimmung in dem Sinne, dass disziplinäre Methoden und Theorien die ‚Wissenschaftlichkeit’ der Asienforschung prägen, das ‚asiatische’ unserer Forschung also im Gegenstand und nicht in der Herangehensweise liege – mit der wichtigen Qualifikation, dass häufig methodische und theoretische Innovationen in den Disziplinen von nicht-westlicher regionalspezifischer Forschung ausgeht. Kontroverser diskutiert wurde eine These in Anlehnung an Ariel Ahram, nämlich dass „eine Betonung der Asienspezialisierung die Hegemonie vermeintlich universaler Disziplinen und orientaler Andersartigkeit zementiert, ein Gefallen den wir Eurozentrikern nicht machen sollten“. Die unterschiedlichen Meinungen zu diesem Aufruf nach strategisch disziplinärer Verortung entzündeten sich vor allem an der Frage, in welchem Maße universalistische Ansprüche legitim sein können, ob nicht-eurozentrische globale disziplinäre Forschung also nicht vielleicht doch möglich sei. Schließlich wurde diskutiert, ob „Forschung stets besser wird, wenn sie in mehr als einem Land, einer Region, einer Disziplin oder Methode verankert ist“. Konsens schien zu sein, dass dies in Bezug auf ein Forscherleben oder ein größeres Team meist zutrifft, jedoch eher nicht für jedes einzelne konkrete Forschungsprojekt.

In unseren Diskussionen über drei Tage hinweg wurde deutlich, dass bestimmte methodologische und wissenschaftspolitische Fragen von jeder Generation neu verhandelt werden müssen, wobei im aktuellen Asiennachwuchs eine vielleicht doch besondere, dynamische und in der letzten Dekade strategisch bewusst geförderte Vielfalt (BMBF-Netze, Graduiertenschulen, Exzellenz-Zentren) auf eine nach wie vor disziplinär strukturierte Institutionenlandschaft stößt (etwa im Bereich der venia legendi, von Lehrstuhldesignationen, etc.). Deutlich vernehmbar war der Ruf nach inhaltlicher, methodischer und geographischer Kontextualisierung der jeweiligen Forschung (auch derjenigen, die sich mit Europa beschäftigen), aber auch die Lust, dies bei Bedarf jenseits etablierter disziplinärer oder regionaler Kategorien zu tun: ein geographischer Fokus etwa kann ein Land, eine Region, aber auch ein Cluster von Städten bestimmter Größe sein. So passt es gut, dass die jüngst neu gestaltete Homepage der DGA-Nachwuchsgruppe genau mit dieser Flexibilität wissenschaftlicher Positionierung spielt, indem die klassischen disziplinären und geographischen Kategorien bewusst aufgebrochen und durch den Dreiklang selbstgewählter inhaltlicher, methodischer und geographischer Affinitäten ersetzt wurden – ein Experiment, das sich momentan in den Mitgliederprofilen entfaltet (siehe Links am Ende dieser Seite).

Nicht zu kurz kamen an diesem Wochenende natürlich auch die Vernetzung und das Freiburger Nachtleben, informelle Gespräche in der Kaffee-Pause und der Austausch zu individuellen wissenschaftlichen Problemen. Alles in allem: ein gelungener Workshop, der eindrucksvoll die Lebendigkeit junger Asienforschung im deutschsprachigen Raum belegte.

Raphael Susewind

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